24. Dezember 2003
Weihnachten - Licht in der Finsternis
Wenn ich durch Bad Salzdetfurth gehe, sehe ich in den Vorgärten
erleuchtete Weihnachtsbäume. Ich sehe Lichtbögen und Sterne in vielen
Fenstern. Ich bin mir sicher, dass die Menschen nicht nur aus Tradition
Lichter in die Dunkelheit setzen. Ich glaube, es steckt mehr dahinter,
einmal im Jahr eine bewusste Veränderung an Haus und Garten zu
installieren.
Wenn wir feiern, stellen wir Kerzen auf den Tisch und schalten das
übrige Licht aus. Wir verändern das Gewohnte und schaffen eine besondere
Atmosphäre. Hinter dem Stimmungsvollen, dem mit viel Liebe und Freude
Vorbereiteten, wird etwas Geheimnisvolles sichtbar. Dahinter steht die
Erkenntnis, dass zum Beispiel gemeinschaftliches Essen mehr ist als nur
Nahrungsaufnahme. Es ist Anteilnahme am anderen und Anteilgabe meiner
Person, in der Begegnung, im Gespräch und im gemeinsamen Essen.
Hier wird beispielhaft deutlich, wie das weihnachtliche Geheimnis zu
verstehen ist: Gott gibt uns Anteil an sich, indem er ein Mensch wird.
Und indem er Mensch wird, nimmt er Anteil an uns. So gibt er sich uns
und Gemeinschaft entsteht. Wenn wir Kerzen entzünden und uns an eine
festliche Tafel setzen, dann verbindet sich damit die Hoffnung, auch in
uns möge es heller und damit freundlicher für uns und den anderen
werden. Die emotionale Sprache dieses Geschehens ist nicht zu
unterschätzen. Wie ein Mensch sich nach außen gibt, wie er sein Leben
gestaltet, so sieht es auch innerlich in ihm aus.
Wenn wir Lichter aufstellen, so glaube ich, erwarten wir mehr als nur
das Stimmungsvolle daran. Wir hoffen, dass das Licht die Dunkelheit
erhellt. Zu Weihnachten zeigen sich Sehnsucht und Enttäuschung dieser
Hoffnung in vielfacher Weise. Wir setzen zu viele Erwartungen in diese
Tage. Alles was über's Jahr versäumt ist, soll jetzt nachgeholt werden.
Das kann nicht gelingen. Wenn wir es schaffen, an einer oder an zwei
Stellen eine freundliche Atmosphäre des Umgangs miteinander liebevoll zu
gestalten, dann ist das schon viel. Wichtiger ist es, dies auch über's
Jahr durchzuhalten, und es nicht mit dem Weihnachtsschmuck sozusagen
wieder auf dem Dachboden zu verstauen.
Die Sehnsucht der Menschen nach weihnachtlicher Freude hat Gott
unübersehbar und unzerstörbar in unsere Herzen gesät. Ich glaube, Gott
hat uns auch beispielhaft vor Augen geführt, wie Friede in einer
heillosen Welt entstehen kann. Immer durch Widerstände hindurch.
Das beginnt schon vor der Geburt des Jesuskindes bei der Suche der
Eltern nach einem "Raum in der Herberge". Für mich stellt sich die
Frage, welche Räume sind bei mir innerlich und äußerlich besetzt. Wem
kann ich Raum geben? Gibt es Möglichkeiten der Veränderung bei mir? Dies
für die eigene Lebenssituation in Familie und im Umgang mit
Arbeitskollegen oder Nachbarn durchzubuchstabieren, ist eine
entscheidende Voraussetzung für Veränderungen. Die fangen immer bei mir
selbst an. Maria und Josef schieben die schwierigen Umstände nicht auf
Gott, sondern suchen selbst ein Unterkommen. Sie sind froh, dass sie in
der aufgeteilten Welt wenigstens einen Stall finden konnten.
Hier schließt sich meine nächste Frage an. Welche Erwartungen habe ich
an unsere Gesellschaft und ihre Institutionen? Sind meine Wünsche und
Vorstellungen berechtigt oder überzogen? Kann ich mich auch mit weniger
zufrieden geben? Vielleicht erreiche ich viel mehr, wenn nicht auf mein
"Recht" poche, sondern Wege finde, die angemessen sind. Das
weihnachtliche Licht über dem Stall zeigt mir, dass das Licht auch dort
scheint, wo eben nicht alles in Hülle und Fülle vorhanden ist.
Ich glaube, dass Maria und Josef nicht wussten, was sie damals
erwartete. Sie sind durch ihre Erlebnisse, letztlich mit Gott, über sich
selbst hinausgewachsen. Sie haben den Mut gehabt, sich auf diese
Christgeburt einzulassen. Sie haben neue, unglaubliche Situationen
erlebt und sich engagiert hineinbegeben. Sie sind in dieses
Gottes-Wagnis gegangen, ohne zu wissen, wie es ausgehen wird. Sie waren
bereit, aktiv die Veränderungen an sich geschehen zu lassen. Maria und
Josef haben sich auf Gott verlassen, und Gott hat ihr Vertrauen nicht
enttäuscht. Die Weihnachtsbotschaft macht mir deutlich: Maria und Josef
haben mit Gott Schwieriges erlebt, aber eben mit Gott! So konnten sie
Probleme aushalten und überwinden. Lebensumstände ins Positive hinein zu
verändern bedeutet, sich selbst dieser Gottes-Veränderung hinzuhalten.
Dann gelingt es auch, Widrigkeiten auszuhalten und Lebensveränderungen
nicht selbst zu erzwingen, sondern sie wachsen zu lassen.
Das Weihnachtslicht kommt von außen, von Gott. Damit entzieht es sich
menschlicher Verfügung. Es ist nicht herstellbar, nicht zu
vervielfältigen und nicht zu vermarkten. Das ist sein entscheidender
Vorzug. Es ist nicht zerstörbar, sondern bleibt. Es kommt auf mich zu
als Geschenk, auf das ich vertrauensvoll warten muß. Wenn wir Gott in
unserem Leben Raum geben, dann leuchtet das weihnachtliche Licht von der
Krippe zu uns herüber und verwandelt unsere Dunkelheit in Licht.
Ich wünsche allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.
Klaus-Daniel Serke,
Pastor an der St. Georgs- und Martin Luther-Kirche,
Bad Salzdetfurth
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